Standardwerk: Handymania von Günter Burkart Juni 5, 2007 | 12:24 am
Standardwerk: Handymania von Günter Burkart

Vor rund zwei Wochen hatte ich hier im Handy-Weblog über ein interessantes Interview mit dem Lüneburger Soziologen Günter Burkart berichtet. Mittlerweile habe ich das Buch "Handymania" gelesen und kann nur Positives berichten. Gewiss: Eine ausführliche Rezension würde dann doch den Rahmen dieses Weblogs sprengen, doch auf ein paar Aspekte möchte ich dann doch eingehen. Dazu gesagt: Ich verstehe mich nicht als Wissenschaftsjournalist, wenngleich ich mit einem Großteil der zitierten Theorien aus Studienzeiten vertraut bin (ist aber doch eine Weile her …).

Im Vorwort des Buches wird auf Seite 11 der Anspruch formuliert, eine umfassende Darstellung der zahlreichen Einzelergebnisse in der Handyforschung zu geben und diese in die kultursoziologische Theorie zu integrieren. Und um es vorweg zu nehmen: Nach meinem Dafürhalten wird der Autor diesem Anspruch in weiten Teilen gerecht und hat nicht mehr und nicht weniger als ein Standardweg oder auch einen Anknüpfungspunkt für die künftige Beschäftigung mit dem Phänomen Handy geschaffen.

Wie es sich für ein (kultur-)soziologisches Sachbuch gehört, wird hier weder mit – zumeist interpretationsbedürftigen- empirischen Studien, noch mit (meistenteils) betriebswirtschaftlich motivierten Spekulationen aufgewartet. Die gesammelten empirischen Daten aus 60 Interviews werden im Sinne der qualitativen Sozialforschung ausgewertet, was der Zielsetzung des Buches, eine Einordnung des Handys in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext zu unternehmen, durchaus entgegen kommt.

Zu Beginn wird eine theoretische Einleitung gegeben, der aber allgemeinverständlich ist und Fragen aufwirft, die nicht nur für Soziologen von Interesse sind. Bestimmen unsere Wünsche die technische Entwicklung oder kann man von einem Technodeterminismus ausgehen? Die Antwort die der Autor gibt, ist eine Synthese aus beidem, um der gegenseitigen Verzahnung zwischen Mensch und Technik (neue Features werden teilweise herbeigesehnt, teilweise aber auch nicht angenommen) gerecht zu werden.

Es folgt ein eher informativ-deskriptiver Teil, vulgo: "Hardfacts" mit Entwicklung der Mobiltelefonie, technischen Grundlagen, Ausblick, wirtschaftlicher Bedeutung etc. Muss sein, kann man meistenteils aber auch woanders nachlesen.

Interessanter ist da schon das Aufzeigen der zahlreichen kulturellen Implikationen, die die Erfindung des Handys mit sich bringt. Von Auflösung der Privatsphäre, sozialer Kontrolle, neuen kommunikativen Regeln und der Bedeutung des Handys als Distinktionsmerkmal (natürlich kommt Pierre Bourdieu zum Zuge) ist hier ebenso die Rede wie von einer mutmaßlichen Veränderung der Kommunikationskultur durch das Handy.

Die Analyse des Ist-Zustands halte ich für durch und durch erhellend, ja sogar für notwendig und überfällig. Der Ausblick indes gerät ein wenig kurz, was sich aber durch Sätze wie Viele Fragen sind noch offen. Es spricht einiges dafür, dass die kulturelle Bedeutung des Mobiltelefons noch nicht dauerhaft festgelegt ist. von selbst erklärt.

Nun noch ein Wort zur "Readability": Der Anfang des Buches ist nach meiner Einschätzung auch für LaiInnen verständlich, doch wenn im späteren Verlauf immer wieder auf Norbert Elias Theorie vom "Prozess der Zivilisation", Bourdieus "feine Unterschiede" oder einzelne Werke des kanadischen Soziologen Erving Goffman oder die "Austauschtheorie" des französischen Ethnologen Marcel Mauss eingegangen wird, ist ein wenig Vorbildung sicherlich kein Nachteil.

Zusammenfassend handelt es sich hier um ein in weiten Teilen allgemeinverständlich geschriebenes soziologisches Werk, dass entsprechend mit zahlreichen Fußnoten und einem Literaturverzeichnis aufwartet (was bei wissenschaftlichen Büchern eine Notwendigkeit darstellt aber durchaus hier und da versäumt wird).

Für jeden, der sich nicht nur für Klingeltöne, Bluetooth und Co. sondern auch für die auswirkung der "Handymania" interessiert, ein echter Lesetipp!


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